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Was genau war nochmal der Vorteil an Demokratie?


Das habe ich nämlich gerade vergessen...ich musste nämlich nach Hong Kong reisen um ein Studium zu bekommen bei dem man mich zum Querdenken anregt. Irgendwie traurig, oder? Ich belege hier einen Kurs der sich "Crises and Alternatives" nennt und in diesem diskutieren wir aktuellen Krisen auf dieser Welt (lokal und global...von einer neuen Bahntrasse in Hong Kong quer durch ein Dorf bis hin zum Thema "Food Security" und ich muss feststellen: in Deutschland läuft das genau wie hier!

 Hier wollen sie eine Bahntrasse durch ein Dorf bauen, die Leute gehen auf die Straße, protestieren, nichts passiert. Die Locals meinten " aber ihr habt doch  Demokratie...Umsiedlung gibt es da doch nicht so einfach"...Käse! Im Ruhrgebiet werden zig Ortschaften platt gemacht für den Braunkohleabbau von dem vor allem einige wenige Unternehmen profitieren. Leute protestieren, nichts passiert.

 Klar, ich möchte bestimmt nicht tauschen! Hier regiert der pure Kapitalismus. Ein Eldorado für jeden FDP-Wähler. Ganz schlimm. Die Wirtschaft kontrolliert hier die Politik und die Medien. Es gibt zwar offiziell Pressefreiheit, so bin ich zum Beispiel in der Lage diesen Eintrag zu schreiben, zu googeln, Facebook zu benutzen oder Youtube (all das kann ich mir in Mainland China abschminken!), aber wenn man sich die (für mich englischsprachigen) Zeitungen genauer ansieht, dann stellt man fest, dass sich die Leute hübsch selbst zensieren.

Hier gibt es gerade eine Jugendbewegung, die sich die "post 80s" nennt und aus unserer Generation besteht. Die protestieren seit Dezember jeden Freitag vor dem Regierungsgebäude und vor einigen Wochen kam es zu Ausschreitungen und das Gebäude wurde eine ganze Nacht lang belagert. Im Moment richtet sich der Protest vor allem gegen die Zugtrasse aber generell geht es um mehr Demokratie. Die Locals in meinem Kurs sagen, dass sie sich eine Zukunft in Hong Kong nicht vorstellen können, weil sie sich nicht repräsentiert fühlen durch ihre Regierung, abgewiesen gar oder unverstanden. Die ältere Generation ist gegen diese Jugendbewegung. Sie sagen es gehöre sich nicht. Diese Generation fühlt sich eher zur Regierung in Bejing hingezogen. Dadurch kommt es auch zuhause zu Problemen weil die Leute in unserem Alter hier nicht so frei sind wie wir. Die Familie nimmt viel stärker Einfluss. Mädchen mit 22 sind hier so wie ich es mit 14 war. In jeder Hinsicht.

 Dieser Kurs wird unterrichtet von einer waschechten Kommunistin und Globalisierungsgegnerin der ich großen Respekt zolle. Ich bin kein Kommunist. Ich sehe aber auch dass Kapitalismus hier grad nicht so richtig funktioniert, zumindest nicht für jeden. Die Zahl der Verlierer in Hong Kong ist beeindruckend. Hier gibt es regelrechte Slums und an anderer Stelle großen Reichtum. Diese "Lehrerin" ist jedoch sehr vielseitig gebildet und nimmt an vielen weltweiten Konferenzen wie dem "World Social Forum" Teil, sodass sie uns einfach ganz viel erzählen kann. Sehr desillusionierend, sehr deprimierend und eigentlich nichts was ich nicht schon gehört hätte-- ich hatte es aber mit Hilfe eines Marketingstudiums erfolgreich verdrängt. Wenn ich das hier erlebe bekomme ich große Angst wie die Welt aussehen wird wenn ich 35 bin.

 Anyway: ich möchte hier ja kein politisches Essay abliefern sondern ein bisschen über die Zukunft plaudern: Ich war am Samstag "hiken" (mein Denglisch erreicht hier ungeahnte Ausmaße) und das war eine geniale Erfahrung!! Ich war so richtig sick of crowds und musste ganz dringend mal raus aus dem dauernden Gewühle in Hong Kong....diese Stadt ist eine einzige Menschenmasse! Wir sind auf den höchsten Peak der New Territories und der Weg war geprägt von atemberaubender Schönheit, scheinbarer Weite und für HK-Verhältnisse unendlicher Ruhe. Es war mega anstrengend und ich habe einen mega muscle tomcat aber das hat sich in jeglicher Hinsicht gelohnt! Ich habe mich spontan in einen großen Felsen verliebt (Ein Foto von uns beiden hat Jens..ich muss mir das mal besorgen und dann bekommt ihr es zu sehen!) und fühlte mich unglaublich frei. Ich stand da auf diesem freiliegenden Felsen der sehr viel größer war als ich selbst, am Rande eines Abgrundes im Wind und habe das Leben genossen. Wir haben später sogar eine große Gruppe Affen (wild!!) gesehen....nicht nur gesehen...wir mussten durch die durch weil die sich mitlerweile auf Wanderer spezialisiert haben....mit Affenbabies! Ganz ohne Gitterstäbe! Ca. 1,5m von mir entfernt!! Fotos lade ich in den nächsten Tagen auf Facebook hoch…den Link liefere ich dann wieder hier nach

Die Kultur hier geht mir manchmal krass auf die Nerven, vor allem aber schlägt sie mir auf den Magen. Ich habe es hier häufig mit Magenkrämpfen und Co zu tun und ernähre mich unsagbar fürchterlich. Da muss mir noch was gutes einfallen....ich kann ja schließlich nicht dauernd Sushi essen gehen (das ist hier sehr günstig und eine geschmackliche Offenbahrung!!).

Manchmal, wenn ich wieder all diese schwierigen Gewürze rieche und wieder überall die Klimaanlage an ist obwohl es gar nicht warm ist und wieder alle wild durcheinander schreien und schmatzen und drängeln und so dann denke ich die machen das grad mit Absicht, nur um mich zu ärgern. Dann werde ich total pissig und unfair. Ich weiß dann zwar dass das nicht stimmt, aber es kommt mir in dem Moment dann eben so vor. Auch stehe ich oft in so Menschenmassen und muss echt versuchen abzuschalten und Abstand zu gewinnen da diese ganzen Eindrücke mich dann zu erschlagen drohen--von den angespitzen Ellbogen mal ganz zu schweigen! Zum Glück bin ich einen Kopf größer als viele hier sodass ich zumindest etwas Luft zum atmen habe! 

Ich habe großes Glück mit meinem Roomie und mit meinem Buddy. Christine ist echt klasse und wir verstehen uns prima. Mittlerweile würde ich uns als Freunde bezeichnen und da ihr Major (übrigens die beliebteste Frage hier: "Whats your major?" Geschichte ist, kann sie mir ganz viel erklären--und sie liest meine Mandarin Hausaufgaben gegen

Mein Buddy Chloe ist absolut knuffig und macht nächstes Jahr ein Auslandssemester in Venlo. Leider dann, wenn ich schon nicht mehr da bin aber trotzdem freu ich mich darauf ihr wenigstens ein Stück Deutschland zu zeigen. 

Apropos Deutschland zeigen: Gestern war das Frühlingsfestival und wir haben Schwarzbrot mit einer Backmischung aus Ikea gebacken und Käse und Leberwurst und deutsches Bier besorgt (war gar nicht einfach!!) und verkosten lassen und wir haben Fotos aus Deutschland gezeigt und für unsere Kultur geworben--zusammen mit Dänemark mit denen wir mehr Kultur teilen als mir bewusst war. ECHTES SCHWARZBROT!! die Backmischung haben wir bei IKEA gekauft und Raphaela und ich sind dann Sonntag durch halb Hong Kong zu Doris, einer Angestellten der Uni, nach Hause gefahren um es dort zu backen. Sonst hatte hier niemand einen Ofen und auch ihrer glich mehr einer Mikrowelle der Vergangenheit....so hatten wir gestern frei nach dem Motto: East meets west einen tollen Abend mit Drachentänzern, chinesischer Oper, deutschem Schwarzbrot, einem schönen Hefeweizen und und und….das Studentenleben hier genieße ich wirklich in vollen Zügen! Das Bild zu diesem Eintrag ist vom Frühlingsfestival und zeigt Raphaela, Marianne und mich mit den OMIP-Mädels (Uni Büro dass für uns zuständig ist) und wir alle machen die "Chinese Pose"....

Lingnan University ist wie ein Dorf…über 1500 Leute leben in den Student Hostels und dementsprechend sitzen abends noch viele draußen oder schwirren durch die Gänge. Diese Uni würde ich gerne so wie sie ist einpacken und mit nach Venlo nehmen. Die Anlage ist echt schön mit viel Wasser und vielen Möglichkeiten sich draußen gemütlich irgendwo hinzusetzen. Und nun ist hier richtig Frühling, was viel Regen bedeutet und eine ansteigende Luftfeuchtigkeit (SCHRECKLICH!!), es bedeutet aber auch blühende Bäume und tolle Gerüche. Ich bin gerne hier. Sehr gerne! Ich habe jetzt schon Angst vor dem emotionalen Jetlag wenn es in nur 4-4,5 Monaten zurück in die Vergangenheit geht…

9.2.10 15:10

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